professionelle beziehungen gestalten

Sehen wir einmal von kurzfristigen oder rein vermittelnden Beratungen ab, bestehen die Hilfen der Sozialen Arbeit zumeist aus begleitenden, auf längere Zeit angelegten Angeboten, die die Lebenswelt der Hilfesuchenden unterstützen, ergänzen oder gar ersetzen. Die dadurch entstehende Alltagsnähe und Kontaktdichte zwischen Fachkräften und KlientInnen machen Verständnis und Entwicklung erst möglich. Beziehung ist immer und durchzieht mittel- und unmittelbar den ganzen Arbeitsalltag.

Da eine gelingende professionelle Beziehung als „Erfüllungsort“ für gesetzte Ziele fungiert, kann sie als zentraler Wirkfaktor benannt und ihr Stellenwert nicht hoch genug eingeschätzt werden. Zugleich lässt sich die professionelle Beziehung nicht standardisieren und auf alle Fälle übertragen: jede Beziehung ist anders, da kein Mensch dem anderen gleicht. Dass die professionelle Beziehung nicht schematisch lehrbar ist, bringt naturgemäß Probleme mit sich: jede Fachkraft ist auf sich zurückgeworfen, der Selbstvergewisserungsbedarf ist manches Mal so hoch wie die Verunsicherung. Soll ich mehr nach Intuition handeln oder nach Methode X? Wieviel Nähe ist noch professionell? Das Schicksal von Klientin X belastet mich, wie gehe ich damit um?

"einem menschen begegnen heißt, von einem rätsel wachgehalten zu werden" (emmanuel lévinas)

Zudem haben wir als Fachkräfte in professionellen Beziehungen kontinuierlich die Dualität Nähe/Distanz auszuloten: Wir brauchen Nähe zum/zur KlientIn (und seinem/ihren nahen Umfeld), müssen aktiv Vertrauen und Beziehung aufzubauen um überhaupt einen lebensweltlichen Zugang und die nötigen Informationen zu bekommen um uns ein Bild machen zu können; freilich aber auch, um dem/der KlientIn die Entlastung anbieten zu können, die er/sie braucht. Genauso brauchen wir Distanz, um Verwicklungen entgegenzuwirken oder zu entwirren, um mit Abstand den Fall reflektieren zu können sowie um uns selbst zu entlasten und handlungsfähig zu bleiben. Jede Fachkraft weiß, wie herausfordernd diese Balance sein kann.

 

"es sind die Begegnungen mit Menschen, die das leben lebenswert machen" (guy de maupassant)

 

So zentral der Stellenwert der professionellen Beziehung für die Soziale Arbeit ist, so wenig schlägt er sich im Studium oder der Fachliteratur nieder, auch in der empirischen Forschung nimmt die professionelle Beziehung nach wie vor randständigen Raum ein. So fand ich mich gerade zu Berufsbeginn mit vielen Fragen und Unsicherheiten konfrontiert, wie ich denn am Besten auf die Menschen zugehen soll, die ich zu betreuen hatte. Im Laufe meiner akademischen Weiterqualifizierung entschloss ich mich, diese wenig definierte und diffuse Situation in Forschungsprojekten zu untersuchen. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sowie eine Fülle weiterer theoretischer und empirischer Daten habe ich nun in einen mehrtägigen workshop überführt. Das sind die inhaltlichen Themen:  

 

Tag 1

  • Einstieg: Themenrelevanz und -verständnis, Sensibilisierung für die Herausforderungen und die Diversität der Thematik, Eingrenzungen, Schwerpunkte
  • Erläuterung diverser Dualitäten, Sensibilisierung für den dialektischen Umgang mit Polaritäten. Anwendung eines Selbstevaluationsinstrumentes, welches Verstrickungen sicht- und lösbar macht.
  • Fehler, die sich auf das Herstellen oder Aufrechterhalten einer professionellen Beziehung beziehen, sind auf Platz 1 der Selbsteinschätzung von Fachkräften. Wir beschäftigen uns in Block 3 daher mit der Frage, wie wir aus Fehlern lernen können.
  • Möglichkeiten und Grenzen professioneller Beziehungsgestaltung: Wie lässt sich gelingende professionelle Beziehung überhaupt beschreiben? Was sind förderliche, was hinderliche Kriterien? Welche Kompetenzen werden benötigt? Wo liegen die Grenzen, meine eigenen, die der KlientInnen, als auch die der Beziehung? Wir erarbeiten uns im Austausch mit den anderen, in Einzel- und Kleingruppenarbeit, wie wir uns gut abgrenzen und trotzdem in der Beziehung bleiben können. Auch hier wird ein Selbstreflexionsinstrument zum Einsatz kommen.
  • Hilfe wird in Koproduktion mit dem/der KlientIn erbracht. Wir konzentrieren uns nun auf die AdressatInnen der Hilfe. Hier erläutere ich Forschungsergebnisse, die KlientInnen-Perspektiven beschreiben. Wir beschäftigen uns vor allem aber mit unserem Zugang zu KlientInnen: Welche Rolle weise ich diesen zu, welches Bild habe ich verinnerlicht? Haltungsbasierte Ansätze bieten dazu gute Diskussionsgrundlagen. Auch hier arbeiten wir mit Methoden, die in Kleingruppen durchgeführt werden.
  • Abschluss: Was nehme ich mit? Wie setze ich Erkenntnisse im beruflichen Alltag um? Ggf. Vereinbarungen mit KollegInnen oder geplante Regelungen mit KlientInnen, Vorsätze.
  • Über den Tag verteilt entwirft jede/r TeilnehmerIn seine ganz eigene Übersicht zu den Themendimensionen "Selbstsorge" (Was brauche ich, um Beziehungen gut zu gestalten?) und "Fürsorge" (Was brauchen meine KlientInnen?).

 

Tag 2

  • Selbsterforschung von inneren Antreibern und beruflicher Motivation
  • Motivierungs- und Vertrauensarbeit: Umgang mit a) nicht motivierten KlientInnen (überwiesene, geschickte KlientInnen, Hilfenutzung als Auflage/Mittel zum Zweck); b) ängstlichen, misstrauischen, abweisenden KlientInnen und c) uneinsichtigen, erwartenden KlientInnen (Anspruchshaltung, Bedien-Mentalität)
  • Umgang mit begrenzter Zeit: Wie schaffe ich es, trotz begrenzter Zeitkapazität, den Kontakt zum/zur KlientIn bestmöglich zu gestalten?
  • Personzentrierung nach Carl Rogers "neu entdeckt": Was genau bedeutet Kongruenz, Empathie, bedingslose Wertschätzung (für mich) und (wie) kann das gelingen? Wir gestalten diesen großen Themenblock über Input diverser Konzepte (Empowerment, engaging, agency, KlientInnen-Bild) und verschiedene Übungen (z.B. Technik des Verbalisierens, kollegiale Beratung, Feedback, klare Sprache, Imaginationsübungen,...). Diese üben wir in Kleingruppen und in Einzelarbeit.
  • Abschluss: Was nehme ich mit? Wie setze ich Erkenntnisse im beruflichen Alltag um? Ggf. Vereinbarungen mit KollegInnen oder geplante Regelungen mit KlientInnen, Vorsätze.
  • Über den Tag verteilt entwirft jede/r TeilnehmerIn seine ganz eigene Übersicht zu den Themendimensionen "Selbstsorge" (Was brauche ich, um Beziehungen gut zu gestalten?) und "Fürsorge" (Was brauchen meine KlientInnen?).

 

Tag 3

  • Umgang mit starken Gefühlseindrücken in der professionellen Beziehung (im Außen und im Inneren) wie Wut, Ärger, Ekel, Hoffnungslosigkeit, Trauer oder Liebe uns starke Fürsorgebedürfnisse. Austausch über Erlebens- und Erfahrungsprozesse, Übungen zur Balance von Abgrenzung und empathischem Mitschwingen. Bei Interesse auch Körperübungen (Mitte finden).
  • Auftragsklärung: Wer erteilt uns eigentlich welche Aufträge und warum? Wir sind vielfältigen Erwartungen ausgesetzt: gesellschaftlicher, oragnisationaler, die der KlientInnen, ihrer Angehörigen, unseren eigenen an uns selbst. Mit methodischer Anleitung und in Kleingruppenarbeit ergründen, differenzieren und sortieren wir diese vielfältigen Ansprüche und gelangen zu einer größeren Klarheit.
  • Wir beschäftigen uns mit den Phasen einer professionellen Beziehung, besonders dem Beginn und dem Ende: Was gilt es hier zu beachten, wie werden Übergänge bestmöglich gestaltet, welche Akteure gilt es wann einzubeziehen?
  • Abschluss: Was nehme ich mit? Wie setze ich Erkenntnisse im beruflichen Alltag um? Ggf. Vereinbarungen mit KollegInnen oder geplante Regelungen mit KlientInnen, Vorsätze.
  • Über den Tag verteilt entwirft jede/r TeilnehmerIn seine ganz eigene Übersicht zu den Themendimensionen "Selbstsorge" (Was brauche ich, um Beziehungen gut zu gestalten?) und "Fürsorge" (Was brauchen meine KlientInnen?).

 

Wie der workshop den Weg der Professionalisierung bereichern soll:

  • Sie sind durch größere innere Sicherheit und Souveränität gestärkt in unsicheren Situationen
  • Sie machen Ihr Tun mehr zu Ihrer "eigenen Sache" und schärfen Ihr ganz persönliches Arbeitsprofil
  • Sie agieren situativ angemessener, antizipativer und stärker am jeweiligen Bedarf orientiert
  • Sie erweitern Ihr Methodenrepertoire
  • Die Sinnhaftigkeit Ihres Tuns wird Ihnen klarer
  • Sie erkennen klarer Ihre Grenzen, leisten aktive Selbstfürsorge
  • Sie werden befähigt und ermutigt, Ihre Wirkungs- und Handlungsmacht neu zu erleben und zu bewerten
  • Sie hinterfragen und klären Ihre eigenen Motive und Antreiber
  • Sie beleuchten Ihre im Hintergrund wirksamen Vorstellungen und Bilder von KlientInnen und erweitern Ihre Sichtweisen
  • Sie etablieren Ihre Selbststeuerungs- und Selbstführungsfähigkeit und damit auch Ihre Kompetenz der Selbstevaluation
  • Sie vertiefen Ihr Wissen über Beziehungsdynamiken sowie haltungs- und beziehungsbasierte Ansätze und erweitern Ihren Kenntnisstand um neuere Forschungsergebnisse
  • Sie reflektieren Ihre Werte und Ideale, beschäftigen sich mit förderlichen Grundhaltungen über ,
  • Der Austausch in der Gruppe gibt Ihnen Orientierung, Selbstvergewisserung, Entlastung und neue Impulse

 

 

Hier habe ich für Sie einige Reflexionsfragen zur Beziehungsqualität in Ihrer Einrichtung/Ihrem Fachdienst zum Download bereitgestellt. Diese können Sie auch in Vorbereitung auf den workshop nutzen.

Download
Reflexionsfragen Beziehungsqualität.pdf
Adobe Acrobat Dokument 57.0 KB